Die Basilika

Die „Basilika“ oder die Realisierung einer modernen Theaterästhetik in Singen

„So geben wir die jetzigen Theatersäle auf und werden einen Schuppen oder irgendeine beliebige Scheune nehmen, die wir gemäß den Prozeduren umbauen lassen, die zur Architektur bestimmter Kirchen oder heiligen Stätten und bestimmter zentraltibetanischer Tempel geführt haben“ lautete eine der Forderungen für eine moderne Theaterästhetik von Antonin Artaud, einem der wegweisenden Theaterreformer des 20. Jahrhunderts, der seine Ideen in Vorträgen, Manifesten, Briefen und Pressepublikationen formulierte und diese Beiträge gesammelt unter dem Titel „Das Theater und sein Double“ veröffentlichte.

Nach dem 2. Weltkrieg entstand auf der Singener Aachinsel in der Schlachthausstraße ein kirchenähnliches Gebäude, das ein kurz vor Kriegsende errichtetes Provisorium ablöste, nachdem das alte Umspannwerk bei dem schweren Luftangriff vom 25. Dezember 1944 restlos zerstört worden war. Um den einstigen Direktor des Gas- und E-Werks und Erbauer der neuen Anlage, welche die Singener Innenstadt bis 1997 mit Strom versorgte, ranken sich zahlreiche Legenden.

So ist es sicherlich kein Zufall, daß er dem Industriegebäude die Gestalt einer Kirche verlieh und diese „Basilika“ allein durch ihre kuriose Entstehungsgeschichte zur Theaterspielstätte bestimmt zu sein scheint.

Inzwischen spricht in Singen jedermann von der „Basilika“, und nur den wenigsten ist bewußt, daß sie alleine aufgrund der künstlerischen Aktivitäten des Theaters „Die Färbe“ so heißt, vor 1998 war sie den Singenern ausschließlich als altes Umspannwerk auf der Musikinsel bekannt.

Ihren Namen erhielt sie von Peter Simon, weil sie nach dem architektonischen Vorbild einer solchen konzipiert ist: ein überhöhtes Mittelschiff, zwei durch Säulengänge abgetrennte, niedrigere Seitenschiffe, über deren Dachansatz sich eine durchfensterte Hochwand erstreckt, sowie eine vorgelagerte Halle. Die dem Griechischen entlehnte Bezeichnung bedeutet „Königshalle“. Auch die römische Basilika diente als Thronsaal sowie als Markthalle, Gerichtsstätte und Sakralraum. Für die kirchliche Baukunst des Abendlandes blieb sie in allen Epochen Vorbild und Grundbau. Theater- und Opernhäuser als klassische „Versammlungs- und Kultstätten“ bedienten sich ihrer Vorlage gleichermaßen.

Artaud forderte sakrale Stätten für sein Theater, das er als „kultische Handlung“ begriff, als ein Geschehen, das der Zuschauer aktiv miterleben soll, um seelische Vorgänge sinnlich begreifbar zu machen. Bühne und Zuschauerraum sollten identisch sein, ähnlich der Marktplatz-Situation des Elisabethanischen Theaters William Shakespeares oder des antiken Amphitheaters. Es existiert keine Guckkastenbühne, das Bühnengeschehen soll nicht in Distanz zum Publikum, sondern inmitten der Zuschauer stattfinden. Damit gab Artaud den Anstoß für eine Entwicklung, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte die sogenannte moderne „Raumbühne“ hervorbrachte. Die neue Spielstätte des Globe Theatres in London oder die Berliner Schaubühne, deren Theaterarchitektur Maßstäbe setzte, seien hierfür beispielhaft genannt. Ausgehend von der Ästhetik des „leeren Raumes“ gibt es keine festen Installationen, Bühne, Beleuchtung und Bestuhlung sind flexibel, um den Raum jederzeit einer neuen Spielsituation anzupassen. Auf Dekoration wird ausnahmslos verzichtet; Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme werden sparsam und funktional eingesetzt, lediglich zitiert, indem sie sich den Erfordernissen der Spielhandlung unterordnen. Die Illusion des Bühnengeschehens soll allein durch die Poesie des Theatertextes, die Ausdruckskraft der Schauspieler, die Magie des Lichtes und nicht zuletzt durch die Phantasie des Zuschauers hergestellt werden. Dieses ästhetische Prinzip der Radikalität und Unschuld von Darstellungskraft und Imagination, das Theatermacher und Publikum gleichsam in seinen Bann zieht, machte nicht nur Schule in der Bühnenwelt, sondern diente auch von Anfang an als Vorbild für sämtliche Färbe-Inszenierungen.

Das Bespielen der Basilika als zweiter Spielstätte war nach dem Kneipentheater im ehemaligen Kuhstall der Färbe ein weiterer Schritt zur Realisierung einer solchen Theaterästhetik. Als Industriedenkmal, architektonische Skurrilität und durch die funktionelle Kargheit ihrer Räumlichkeiten besitzt sie eine Ausstrahlungskraft, die sie zur Raumbühne prädestiniert. Entstanden in der noch jungen Geschichte der Stadt Singen kann ihre Etablierung zu deren Profil beitragen.

Im Sommer 1999 wurde die Basilika erstmals mit dem musikalischen Lustspiel „Im weißen Rößl“ vom Theater „Die Färbe“ bespielt. Als Umspannwerk hatte sie ausgedient, der damalige Eigentümer, das Gas- und E-Werk Singen stellte dieses der Färbe als Sommertheater zur Verfügung und ließ es sich nicht nehmen, dafür großzügige Umbaumaßnahmen vorzunehmen. Es folgte im selben Jahr anläßlich des 100jährigen Stadtjubiläums Singens Peter Simons Inszenierung der Uraufführung von „Hadwig, Herzog von Schwaben“ des Singener Autors Gerd Zahner. Ein Jahr später wurde anläßlich der Landesgartenschau 2000 das musikalische Zirkusstück „Katharina Knie“ von Carl Zuckmayer und Mischa Spoliansky aufgeführt. Schließlich war es dann im Jahr 2001 so weit: die Basilika wurde dem Theater „Die Färbe“ offiziell von der Stadt Singen, der neuen Besitzerin, als zweite Spielstätte zur Verfügung gestellt und vom Theater mit Shakespeares „Othello“ als solche eingeweiht. Aus einem Industriedenkmal, das bis dahin ausschließlich als Sommertheater genutzt wurde, war ein Theater geworden. Die Stadt Singen hatte sich inzwischen um den weiteren Ausbau gekümmert und gemeinsam mit den Vorleistungen des Gas- und E-Werks rund 256.000,– Euro investiert. Zusätzlich haben sich der Färbe-Förderverein und das Theater mit rund 88.000,– Euro und unzähligen Arbeitsstunden beteiligt. Die meisten Räumlichkeiten des Gebäudes waren nutzbar geworden. Bühnentechnik, Podesterie, Bestuhlung und ein Ausschankbereich konnten angeschafft, Licht- und Schalldämmung angebracht werden. Eine Wendeltreppe wurde installiert, und vor allem machte von nun an eine Be- und Entlüftungsanlage mit integrierter Heizung einen ganzjährigen Spielbetrieb möglich. Ein neues Kapitel in der Geschichte des Theaters „Die Färbe“ war aufgeschlagen und es fanden dort seither 36 Theaterproduktionen statt.

Im bäuerlichen Kneipentheater der Färbe besteht die Aufgabe für Schauspieler und Regisseure darin, auf einer kleinen „Nudelbrettbühne“ großes Theater zu machen, die Zuschauer vergessen zu lassen daß sie im Wirtshaus sitzen und sie auf das Bühnengeschehen zu fokussieren. In der Basilika gilt es, sich der Herausforderung zu stellen, die Intimität, den Charme und die Radikalität der Färbe im neuen Raum zu etablieren und damit neu zu definieren. So kann die Basilika für das Theater „Die Färbe“ eine Überlebenschance in der Zukunft, Heimat und Perspektive sein: eine reizvolle Synthese aus Elisabethanischem Theater und moderner Raumbühne.